Das fliegende Klassenzimmer

Realschule I und Weserluftsportverein kooperieren

Wenn freitags die Schule aus ist, packt eine Schülergruppe ihre Taschen um – und fährt raus nach Blexen. Auf dem Deichflugplatz warten am Wochenende die letzten Unterrichtsstunden der Woche auf die Jungen und Mädchen der neunten und zehnten Klassen. Seit diesem Schuljahr kooperiert die Realschule I mit dem Weserluftsportverein und bietet eine Segelflug-AG an. Die Schule kann damit ihr umfangreiches Angebot an Arbeitsgemeinschaften erweitern und der Verein hofft, junge Menschen für das Segelfliegen gewinnen zu können und damit die Zukunft des Vereins langfristig zu sichern.

Kurz vor den Herbstferien wartete der erste Höhepunkt auf die Schüler: Nach grundsätzlichen theoretischen Einführungen am Boden, dem Erklären des Flugzeugs und dem Wiegen der zukünftigen Piloten sollte es zum ersten Mal in Luft gehen. Bettina Leverenz und Christian Müller betreuten die etwas nervösen Schüler. Erste Aufgabe: gemeinsam das Flugzeug auf Startposition bringen. Teamarbeit ist angesagt, denn Segelfliegen geht nicht ohne Vereinskollegen, die den Startwagen betreuen, die Zugwinde bedienen oder kurz vor dem Start das Flugzeug am Flügel in der Wagerechten halten.

 

Die umstehenden jungen Herren sind verhalten zurückgetreten und überlassen ihrer Mitschülerin Magdalena Müller-Rostin den ersten Flug des Tages – und den ersten Flug der neuen AG überhaupt. Der Himmel ist blau, von wenigen Wolken verziert, der Wind kommt in küstentypischer Stärke von Bremerhaven über die Weser. Ein angenehmer Spätsommernachmittag, ideales Wetter zum Segelfliegen. Magdalena hat sich schnell den Gurt für den Fallschirm umgeschnallt – es könnte ja doch etwas schief gehen. Dann wird die Checkliste vor dem Start abgearbeitet, die Jungs gucken von draußen zu, bis sie die Cockpithaube schließen. Fluglehrerin Bettina Leverenz sitzt hinten, Magdalena vorn im kleinen Cockpit. Der Start rückt näher, Christian Müller hängt den Karabinerhaken unter dem Flugzeug ein – die Zugwinde wird mit 190 PS den Segelflieger voran ziehen und so den Start ermöglichen. Und kaum sind alle Vorbereitungen abgeschlossen, dauert es nur einen Augenblick und schon schießt der Flieger in die Höhe.

Während die Schülergruppe am Boden in den Himmel schaut, immer dem den Flugplatz umkreisenden Flieger hinterher, starrt Magdalena auf den Boden des Cockpits, wie sie nach der Landung eingesteht. Doch am Ende siegt der positive Eindruck. „Der Start war ein bisschen komisch, aber sonst war es ganz cool“, sagt sie nach der Landung, „daran kann man sich gewöhnen.“ Nur der Druck auf den Ohren beim Start sei gewöhnungsbedürftig.

 

Zwischendurch gibt es für die jungen Flugaspiranten immer etwas zu tun: Segelfliegen ist doch Mannschaftssport, stellen sie fest. Teamfähigkeit wird gefördert, über den Funk müssen sie lernen, die richtigen Anfragen und Antworten zu geben und nebenbei gibt es eine Menge angewandter Wissenschaften zu lernen. Ein Metallhaken wird kritisch beäugt – der soll halten? Christian Müller erklärt ausführlich die technische Funktion von Drähten und Scharnieren und Sollbruchstellen. „Das ist Physik, das hält“, garantiert der Fluglehrer abschließend. Und Felix Wallrath entdeckt: Angelesenes Wissen aus dem Naturwissenschaftsunterricht wird im „Fliegenden Klassenzimmer“ künftig mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Bis Ende Oktober lief der Segelflugbetrieb in Blexen, dann gab es theoretischen Unterricht und Werkstattarbeit an den Maschinen. Die Zusammenarbeit mit einer Schule sei auf für den Luftsportverein eine Premiere, sagt Christian Müller. Initiiert wurde sie von Dr. Klaus Bethge und Wolfgang Ringat. Christian Müller rechnet damit, dass circa anderthalb Schuljahre vergehen werden, bevor der erste Alleinflug für die Realschüler möglich ist – circa 70 Starts müsse jeder zuvor gemeistert haben. Vor dem Alleinflug warte dann eine theoretische und praktische Prüfung. Ausgebildet wird nach den Richtlinien des Deutschen Aero Clubs. Die begrenzte AG-Zeit auf der einen und die begrenzte Zeitkapazität der Mitglieder des Luftsportvereins auf der anderen Seite beschränken die Ausbildungsmöglichkeiten. Eine feste Jugendgruppe hat der Verein selbst nicht – alle Mitglieder unter 25 Jahren gehören einer losen Jugendformation an, so Christian Müller.

 

Die 15 Realschüler, die der Segelflug-AG angehören, waren von ihrer ersten Flugstunde begeistert. Felix Wallrath ist bereits früher einmal mit seinem Onkel geflogen. „Da wollte ich schon mal den Flugschein machen, bin dann aber davon weggekommen. Jetzt habe ich die angebotene Chance ergriffen.“ Fabian Becker fand die Idee der Sportart ganz spannend. „Das macht nicht jeder“, sagt er. Mit Linienflugzeugen ist Magdalena auch früher bereits geflogen – das sei aber etwas ganz anderes als mit dem kleinen Segelflieger abzuheben. „Hier ist der Start extremer als im normalen Verkehrsflugzeug.“

 


Text und Bilder: Torsten Lange
Web-Bearbeitung: Tim Potratz