"Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?"

Traumhaftes Theaterwochenende der Klasse 9a - Ein Tagebuch

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Freitag, 22. Februar 2008, 14 Uhr:
Wir erfahren eine stürmische Begrüßung auf dem Hof Bree: Der Wind bläst von Westen über das Weideland gegen unsere Fahrzeugkolonne, die sich dem einsamen Hof mitten in Butjadingen nähert. Die Taschen fliegen geradezu in den alten Bauernhof hinein. Drei Tage wollen wir, die Klasse 9a sowie Frau Logemann-Fastie und Herr Lange, hier arbeiten und spielen. „Alles Theater – ein traumhaftes Wochenende“ lautet das Motto. Für alle ist das Projekt Neuland – wir wagen das spannende Experiment.

 
In Kleingruppen wurden Gedanken zum Thema Träume gesammelt...   ... die anschließend von der Gesamtgruppe sortiert wurden.

Freitagnachmittag:
Es geht schwungvoll los: Mit einem Laufspiel kommt Bewegung in die Gruppe und die Mittagsträgheit wird abgeschüttelt. Beim Spiel der „Gehböcke und Stehböcke“ kommt es auch darauf an, auf die Mitspieler zu achten -  schließlich wollen ja nicht alle Rehe vom Jäger gefangen werden. Anschließend gilt es mit einer Brücke aus Zeitungspapier ein unwegsames Gelände zu überqueren – da kommt sich die Klasse schon ganz schön nahe. Berührungsängste gibt es keine mehr.

Was fällt mir zum Stichwort „Traum“ ein? – Eine ganze Menge Anregungen kamen heute zusammen, die auch sehr unterschiedlich waren. Das Nachmittagsprogramm führte in die „Traumthematik“ ein. Denn Ziel des Wochenendes ist es, drei kleine Theaterstücke zum Thema „Traum“ zu entwickeln und zu spielen – und das innerhalb von anderthalb Tagen. Dazu fanden sich die drei Theaterensembles „Dreamcatcher“, „Nagelstudio“ und „Liebesträume“ zusammen.

Freitagabend:
Wir gestalten einen herzergreifenden Dialog – doch unsere Herzen sind aus Stein. Ganz unterschiedliche Szenenbilder entstehen aus einem einfachen Dialog. Der Text ist immer gleich, aber er ist jedes Mal in eine andere Situation eingebettet.

 
Das Schminken gehört zum Theater
genauso dazu...
  ... wie knochenharte Proben!

Nach sechs Stunden: Brecht Niveau!

Freitag, 21 Uhr:
Nach sechs Stunden Theaterarbeit haben wir Brecht-Niveau erreicht. Selena spielt in einem Verkaufsladen, in dem für nicht verkäufliche Ware geworben wird. Verfremdung pur! Die ersehnte Wasserpfeife bekommt Murat nicht – Selenas Herz ist – im Spiel - halt nur ein kalter Ziegelstein.

In der Nacht:
Schlaf liegt über Bree, als eine schwarze Gestalt sich dem einsam gelegenen Gehöft nähert… Im Hause tollen sich unschuldige Nachträuber auf unerlaubten Pfaden, als plötzlich einem das dunkle Wesen auffällt. Erschrecken herrscht, dass die gebrochene Nachtruhe unliebsam erneut gebrochen wird – und banges Entsetzen. Ein Wesen, sie zu knechten, sie alle zu finden, in den Schlaf zu treiben und ewig zu knechten – Jungs wie Mädchen und alle wachen Bewohner von Bree bekommen es mit der Angst. Was weiter gesehen ist: Niemand kann es zu 100 Prozent bestätigen…

Sonnabend, 23. Februar 2008, Frühstück:
„Haben Sie den schwarzen Mann gesehen?“ – Helle Aufregung herrscht beim Frühstückstisch über das nächtlich erschienene Wesen: Ein schwarzer Mann sei um das Haus geschlichen, vermummt mit Schal und Kapuze, einem wallenden schwarzen Mantel und gelben Gummistiefeln. Auf dem Rücken trug er ein Gewehr. „Die Türen vom Hof sind nicht abgeschlossen?“ – Blankes Entsetzen in den Gesichtern der Kids. „Dann kann der ja jeder Zeit in das Haus kommen!“ Eine richtige Bemerkung, und offensichtlich war es nicht ganz falsch gewesen, dass sich die wagemutigen Helden schwer bewaffnet hatten: Mit Tafelmesser, Haarspray und einer leeren Wasserflasche.

Wilde Spekulationen entstehen und schon wird erinnert an die Kultgeschichte „Herr der Ringe“ und den schwarzen Reitern der Ringgeister. Ja, der schwarze Mann habe sich im Pferdestall zu schaffen gemacht. Wir hier auf Bree – der Name kommt auch im „Herrn der Ringe“ vor – denken darüber nach, ob sich ein Ringgeist ein neues Pferd sucht. „Am Morgen waren alle Pferde da und in keinem fehlte ein Stück“, beruhigte uns Hausherr Roger Jeschke. Neue Spekulationen, der Mann sei Teil eines neuen Kinofilms mit dem Titel „Der Pferdefütterer“ werden rechtzeitig durch eine neue Workshop-Einheit unterbunden.

Goethe-Niveau am Mittag

Kevin tritt als "schwarzer Mann" auf. War es so in der Nacht?
Niemand kann es beweisen!

 

Sonnabend, kurz vor dem Mittag:
Wir haben Goethe-Niveau erreicht: Carina, Janne und René dichten in Hexametern und bringen ihr Ministück vom verfluchten Hut zur Uraufführung. Tragisch: Gleich zwei Protagonisten sterben. Nicht glücklicher geht es bei Yannis, Philipp B. und Michel zu: Ein magischer Hut, der als Sammelkorb dient, lässt Pilze zu fleischfressenden Wesen mutieren. Lea gräbt auf der Bühne als Schaf „Charly Sheep“ nach einem verborgenen Schatz und Murat und Alexander – ja, die jagen wieder dem schwarzen Mann hinterher. Kevin hat sich mit einem Palästinensertuch vermummt, den Hut weit über die Augen gezogen und die Hand ist zur Gartenkralle mutiert. Für die beiden Beobachter keine Chance, sie flüchten schreiend vor dem dunklen Wesen. Ob es in der Nacht auch wohl so war?

Die Spekulationen um den „schwarzen Mann“ sind soweit gediehen, dass es mittlerweile der „schwarze Mann mit dem grau melierten Umhang“ ist. Herr Lange weißt darauf hin, dass es vielleicht doch eher Gandalf als ein Ringgeist sein könnte – die in der Nacht erschreckten Kids finden das gar nicht komisch.

Ömer blöckt als „schwarzes Schaf“

Sonnabendnachmittag:
Der schwarze Mann hat einen Spielgefährten bekommen: das schwarze Schaf. Ömer steckt in einem Geflecht aus Zeitungspapier und ist besetzt mit Dutzenden von Zeitungspapierkügelchen. Die Kopfbinde mit den Schlappohren steht ihm besonders gut, und während Kevin und Philipp L. die letzten Wollbällchen ankleben, übt Ömer schon das „Mäh“ für die gleich folgende Modenschau. Denn in sieben Kleingruppen basteln die Schüler aus Zeitungspapier Kostüme für verschiedene Theaterfiguren. Jule tritt als Fee auf, Selena wird in ein Hochzeitsgewand gekleidet, Pascal tritt als Reinigungskraft auf, Michel schwingt die Keule eines Urzeitmenschens und Murat trägt stolz als Bushido den „Echo 2008“ vor sich her.


Die Models mit Zeitungskostümen.

Kurz vor dem Abendessen:
Die Geschichte vom schwarzen Mann ist zum Politikum geworden, denn nun gehört der schwarze Mann, der vielleicht doch eine Frau ist, mit dem grau melierten oder doch weißen Umhang, jedenfalls ohne Gesicht und mit Kapuze, zur Terrorzelle vom Bauerndorf. Die Taliban sind unter uns! Die ersten Bree-Bewohner berichten, sie hätten in der Nacht einen roten Laserpunkt vom Gewehr auf ihrem Kopf bemerkt, andere erzählen vom Lasso, dass der schwarze Mann unterm Arm getragen hat – oder war es ein Wasserschlauch? – und mittlerweile war er sogar im Haus! Für die kommende Nacht steht fest: Wir fangen den schwarzen Mann, knebeln ihn und legen ihn Herrn Lange vor, damit der endlich auch glaubt, was wir gesehen haben. Oder zumindest wollen Alexander und Murat ein Foto machen. Toll: Schwarzer Schatten vor schwarzer Nacht. Das wird interessant!

Die Nichtgläubigen der Schwarzen-Mann-Theorie befragen die Verfechter des Glaubens nach genaueren Angaben: Handelt es sich vielleicht um einen Mann mit einer Lanze und einer Laterne, die durch das Bauerndorf zog und mit tiefer Stimme „Es hat drei Uhr geschlagen… alles ist ruhig…“ verkündet hätte? Oder war es gar eine Gestalt mit einer Sense und einem kaputten Zeitglas? …

Drei traumhafte Theaterstücke

Sonnabend, 22.30 Uhr:
It’s Showtime! Bis zur letzten Sekunde haben die Theater-Ensembles an ihren Stücken gewerkelt, nun steht die Premiere ins Haus. Auf der Bühne des Dachbodens spielen die „Dreamcatcher“ eine Casting-Szene nach, zeigt das „Nagelstudio“ eine Familientragödie und die Gruppe „Liebesträume“ eine moderne Adaption von „Romeo und Julia“. Anschließend gibt es Runde, in der gegenseitig Verbesserungsvorschläge gemacht und Gelobhudelt wird. Insbesondere Lea und Ömer überzeugten die Klasse mit ihrer Schauspielleistung.

 
Lea überzeugte: Ob als Schaf...   .. oder als Casting-Teilnehmerin.

Sonnabend, 23.30 Uhr:
Die Helden des Theaters sind müde geworden. Texte schreiben, inszenieren, sich in Partnerarbeit oder Gruppenarbeit mit anderen arrangieren: Das alles hat die Jugendlichen erschöpft. Bettruhe? – Ja bitte, aber nein bitte, eigentlich auch nicht, wir wollen ja wach bleiben. Es kommt doch der schwarze Mann! – Die ersten drohen auf der Couch im Sitzen einzuschlafen. Mühsam hält sich die SMG fit – die „Schwarze Mann Gang“. Kevin, Murat und Alexander machen sich bereit, in der zweiten Nacht das dunkle Wesen zu stellen.

Sonntag, 3.00 Uhr:
In verschiedenen Zimmern läuten die Handywecker… keiner hört sie. Die SMG und alle anderen Bree-Bewohner schlafen tief und fest. Schleicht draußen jemand um das einsam stehende Haus? Das Mysterium bleibt erhalten…

Oskar-Auszeichnungen zum Schluss

Sonntagmorgen:
Die letzten Langschläfer müssen eine Viertelstunde nach Frühstücksbeginn aus dem Bett geschüttelt werden. Die Nacht haben alle gut überstanden – vom schwarzen Mann gibt es keine Spur. Die SMG ist enttäuscht, ihr Ziel vor Müdigkeit nicht erreicht zu haben. Heute heißt es Sachen packen und Heimfahrt. Zuvor gibt es eine Feedbackrunde, in der die Pros und Contras des Wochenendes geklärt werden. Und schließlich steht noch eine besondere Auszeichnung an: Alle Teilnehmer erhalten einen goldgebackenen „Oskar“. Schließlich haben sich alle Teilnehmer des Theaterwochenendes diese Schauspielerauszeichnung redlich verdient. Nur einer ging leer aus: der schwarze Mann!

 

In aller Ruhe Gespräche führen oder sich beim Airhockey entspannen gehörte zum Theaterwochenende trotz des umfangreichen Arbeitsprogramms auch dazu.